Podcast in German: Saskia Hebert, Sabine Rabe & Stephan Willinger, June 17 2020
Storytelling is becoming increasingly important for citymaking. But what exactly are so-called narratives and what possibilities arise from working with them? In this podcast, three guests from Bonn, Hamburg and Berlin are getting down to the essence of storytelling. They report on their own planning and research projects, discuss their concept of planning and provide tips for use in practice.
Geschichtenerzählen wird immer wichtiger fürs Stadtmachen. Doch worum geht es bei sogenannten Narrativen eigentlich genau und welche Möglichkeiten ergeben sich durch die Arbeit mit ihnen? In diesem Podcast gehen drei Gäste aus Bonn, Hamburg und Berlin dem Geschichtenerzählen auf den Grund. Sie berichten aus eigenen Planungs- und Forschungsprojekten, diskutieren ihr Planungsverständnis und geben Hinweise für die Praxis.
Beim Narrativen Urbanismus geht es um Stadtgeschichten und um das Stadtleben: um eine ganz andere Ebene, auf der man nachfragt, zuhört und respektvoll mit den Antworten umgeht.
Stephan Willinger, 06/2021
Was haben ein neuer IKEA-Teller, den man sich für den Auszug aus dem Elternhaus gekauft hat, die persönliche Wahrnehmung von drei Jungs zu ihrem abgehängten Stadtteil und die kollektive Fiktion einer Nachbarschaft in Marakkesch gemeinsam? Es sind alles Narrative, die in Objekten, in Alltagshandlungen und auch in Gesprächen in Erscheinung treten. Sie helfen uns den Alltag zu verstehen, mit Bürger:innen zu kommunizieren und gemeinsam neue Zukunftsperspektiven zu entwerfen.
In diesem Stadtgespräch kommen Saskia Hebert aus Berlin, Sabine Rabe aus Hamburg und Stephan Willinger aus Bonn zusammen. Sie tauschen sich darüber aus, wie Geschichten sie bisher besonders berührt haben und wie sie diese Erfahrungen in eigenen Projekten weitergeben. Mehrfach berichten sie dabei von gelungenen Beispielen aus der Forschung und Planungspraxis. Es zeigt sich, dass in unserer Umwelt vielfältige Geschichten stecken, die nur darauf warten, von Planer:innen entdeckt zu werden.
Im Verlauf des Gesprächs wird eine erste Arbeitsdefinition formuliert: Narrative sind demnach sinnstiftende Erzählungen, die soziale Werte transportieren. In der weiteren Diskussion wird deutlich, dass mit Narrativen zu arbeiten viel mehr bedeutet, als nur gute Geschichten erzählen zu können. Narrative sind immer auch ein gastliches Angebot sich einzubringen und damit zugleich eine besondere Art der Beteiligung. Sie helfen uns, unsere Umgebung besser zu verstehen und Vorurteile abzulegen. Nicht zuletzt sind Narrative auch eine Aufforderung an Planer:innen, nicht nur selbst zu erzählen, sondern auch besser zuzuhören.
Jedes Narrativ, jede Geschichte ist auch ein Entwurf, der die Komplexität unserer Lebensräume abbildet.
Sabine Rabe, 06/2021
Als Fazit bleibt, dass wir erst am Anfang des Dialogs über Narrative stehen – wenngleich das Erzählen so alt ist wie die Menschheit selbst. Obwohl das Thema für die Stadtentwicklung wichtig und prägend ist, ist das entsprechende Wissen in der Forschungswelt noch nicht ausführlich bearbeitet. Auch Planer:innen können von diesem neuen Planungsverständnis profitieren und sollten sich darüber Gedanken machen, wie sie ihr klassisches Planungsinstrumentarium ergänzen können. Zum Abschluss wird es dann richtig konkret und jeder Gast gibt den Hörer:innen des Podcasts einen Tipp zum guten Geschichtenerzählen in der Stadtplanung.
Sich gemeinsam Welten ausdenken, das Teilen von Geschichten und das gemeinsame Erzählen kann unheimlich gemeinschaftsstiftend sein. Ich glaube, das hat gerade für die Gemeinwesenentwicklung ein unglaubliches Potenzial und auch eine ziemliche Kraft.
Saskia Hebert, 06/2021
Dr. Saskia Hebert ist Architektin. Im Jahr 2000 gründete sie das Büro subsolar* architektur & stadtforschung. Außerdem war sie von 2012-2015 Studiengangsleiterin für Transformation Design an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. In ihren Projekten ist sie Geschichtenerzählerin und zeigt damit Quartieren und Städten, wie die Transformation in eine nachhaltige Zukunft gelingen kann.
Sabine Rabe ist Landschaftsarchitektin. Mit ihrem Büro arge studio urbane landschaften ist sie Teil des gleichnamigen Netzwerkes in Hamburg und hatte eine Vertretungsprofessur für Freiraumplanung an der RWTH Aachen University inne. Sie forscht explorativ und sammelt dabei zeichnend, entwerfend und filmend Geschichten zum Raumgeschehen aus der Bundesrepublik.
Stephan Willinger ist Raumplaner. Als Stadtforscher und Projektleiter ist er am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn in Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik tätig und hat einen Lehrauftrag für Informellen Städtebau im Master Raumplanung an der TU Dortmund. Er arbeitet zum Narrativen Urbanismus und verfasst dabei konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis.
Podcast in German: Sascha Kullak, February 23 2021
The Hansaforum in Münster has become a brand. With its origins in the B-Side, an up-and-coming socio-cultural center in the Münster harbor, the initiative – funded by the Federal Institute for Building, Urban and Spatial Research – activates the community spirit in the neighborhood.
Das Hansaforum in Münster ist mittlerweile eine Marke. Mit seinen Ursprüngen in der B-Side, einem aufstrebenden soziokulturellen Zentrum im Münsteraner Hafen, aktiviert die Initiative, die durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung gefördert wird, den Gemeinsinn im Quartier.
Sketches from the interview with Sascha Kullak designed by Angelina Bolten for What/Next 2021
Den Auftakt für die neuartige Quartiersentwicklung machte im Jahr 2019 der erste Hansa-Konvent mit einer sozialräumlichen Abfrage. Ziel war es, Kern und Rand des Quartiers als Rahmen für neue Projekte zu bestimmen, die von „Viertelmenschen“ selbst initiiert und getragen werden. Damit sind nicht nur die unmittelbaren Bewohner*innen gemeint, sondern auch Menschen, die im Quartier arbeiten oder im weitesten Sinne mit dem Leben zwischen dem Bahnhof und dem Kanal in Münster verbunden sind.
Das Hansaforum (…) ist ein Seismograph für das, was sich Menschen ausdenken wollen und was sie vielleicht benötigen.
Agnes Förster 02/2021
Der Quartier-Gemeinwohl-Index kurz QGI bildet den normativen Rahmen, an dem sich die vielfältigen Projektideen orientieren. Projektlots*innen helfen bei der Umsetzung und weisen den Weg durch die Tiefen der Verwaltungsstrukturen. Die ersten Projekte und Bedarfe lassen sich bereits in die Cluster –Veranstaltungen, Fahrradkultur und Grünflächen– zusammenfassen. Henning Kraken hat sich beispielweise für das Projekt „Wassertank“ eingesetzt. Auf Privatgrundstücken wird dabei Wasser für Bäume im öffentlichen Raum gesammelt, die unter der Versiegelung der Städte und am Wassermangel in Hitzeperioden leiden.
Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich um die Grünflächen kümmert.
Sascha Kullak 02/2021
Den Geist (…) von Allmende auf die Straße zu tragen, ist eine riesen Innovation.
Sascha Kullak 02/2021
Durch die langjährige Organisation des B-Sides Festivals hat sich die Initiative bei Verwaltung und Politik bereits profiliert und ein Netzwerk zu den lokalen Akteur*innen aufbauen können. Mit dem Hansa-Gremium kommt ein neues Instrument zur Verstetigung des Austausches zwischen Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft zum Einsatz. Hierin werden die Quartiersprojekte einer ersten gemeinschaftlichen Prüfung unterzogen. Beschlüsse werden in „der Runde“ gefasst, einem Prinzip der Soziokratie. Vertreter*innen der Fraktionen, des Stadtplanungsamtes und Bürger*innen des Konventes begegnen sich auf Augenhöhe und „so entwickelt sich ein Gespräch, in dem man daran interessiert ist, das Projekt möglich zu machen.“ Sascha Kullak
Wir denken jetzt vor allen Dingen die Verstetigung mit. (…) Was bleibt nach der Förderzeitdauer?
ASascha Kullak 02/2021
Sascha Kullak ist Geograph, Vorstand im B-Side e.V. und selbst Projektlotse im Quartier rund um den Hafen in Münster.
Podcast in German: Annegret Michler, Ferdinand Nehm, Birte Pereira, April 9 2021
A city is developed by many – individuals, groups and organizations with different experiences, backgrounds and demands. Awareness of the diversity of stakeholders seems to be growing among planning practitioners. What does this imply for urban development and for the design of processes? Lea Fischer and Agnes Förster explore these and other questions, representative for the Research Training Group Mittelstadt als Mitmachstadt (funded by Robert Bosch Stiftung), in conversation with Annegret Michler, Ferdinand Nehm and Birte Pereira.
Eine Stadt wird von vielen entwickelt – Individuen, Gruppen und Organisationen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Hintergründen und Ansprüchen. Das Bewusstsein für diese Akteursvielfalt scheint unter Planungspraktiker:innen zu steigen. Doch was bedeutet dies für die Stadtentwicklung und wie lässt es sich in der Gestaltung von Prozessen nutzen? Diesen und weiteren Fragen gehen Lea Fischer und Agnes Förster für das von der Robert Bosch Stiftung geförderte Graduiertenkolleg Mittelstadt als Mitmachstadt im Gespräch mit Annegret Michler, Ferdinand Nehm und Birte Pereira nach.
Ich glaube, gerade die Vielfalt an Gesichtspunkten ist spannend, wenn Leute eine Perspektive einbringen, die nicht mit einer menschlichen Vielfalt zu tun hat, sondern damit, zu welcher Akteursgruppe sie gehören.
Ferdinand Nehm, 04/2021
Die Sichtweisen auf Vielfalt sind selbst vielfältig. In der Diskussion wird deutlich, dass sie in der Stadtentwicklung verschiedenste Dimensionen hat und darin zum Ausdruck kommt, wie Akteur:innen miteinander interagieren und kommunizieren. Jedoch bleibt nicht unberücksichtigt, dass bei der Abbildung von gesellschaftlicher Diversität Privilegien und Machtunterschiede ihre Wirkung entfalten und es zu einer Herausforderung machen, die tatsächliche Differenziertheit einer Akteurslandschaft in Planungsprozessen einzubinden.
Beteiligte und Betroffene in der Stadtentwicklung als Akteur:innen zu betrachten, scheint für die Podcastteilnehmer:innen zentral. So wird klar, dass zu dieser Kategorie nicht nur die Bürgerschaft, sondern auch viele andere Personen und Institutionen gehören und dass eine Auseinandersetzung mit ihnen selbst ein dynamischer und zutiefst kommunikativer Prozess ist. Wissen über Akteur:innen lässt sich kaum vom Schreibtisch aus generieren, sondern es braucht den Schritt in den Dialog, aber auch in den Stadtraum, auf die Straße, um die Lebenswelten zu erkunden und Beziehungen zu Personen aufzubauen, um sie aktiv in Planungs- und Partizipationsprozesse einbinden zu können. Dabei bewirkt eine solche Auseinandersetzung mitunter auch, dass Akteur:innen plötzlich von anderen Beteiligten ganz anders gesehen werden oder ganz andere Rollen einnehmen als erwartet.
Beteiligungsprozesse benötigen Überzeugungsarbeit. Da geht es darum, Vertrauen und Beziehungen aufzubauen – gerade für Gruppen, die es nicht gewohnt sind, so viel Mitspracherecht zu haben.
Birte Pereira, 04/2021
[…] dass die Bürger sich weiterentwickelt, sich selbst formiert und weiter ihre Themen bearbeitet haben. Das ist eigentlich die Zielsetzung, wenn das längerfristig angelegt ist.
Annegret Michler, 04/2021
Mit dem Beziehungsaufbau zu Beginn eines Partizipationsprozesses ist es nicht getan. Das Thema der Verstetigung von Akteurskonstellationen rückt in den Mittelpunkt des Gesprächs, da es für alle Gesprächspartner:innen eine Schlüsselfrage im Umgang mit Akteursvielfalt darstellt. Gerade in der spezifischen Situation, dass eine Verwaltung einen Prozess initiiert und verantwortet, aber die Prozessbegleiter:innen nur für eine bestimmte Zeit mit der Umsetzung beauftragt sind und anschließend den Prozess anderen Akteur:innen überlassen müssen, braucht es konkrete Lösungen. Eine aktive Einbeziehung der Verwaltung in ihren verschiedenen Rollen könnte hier einen Ansatz darstellen, aber auch, den Akteur:innen sukzessive Verantwortung im Prozess wie beispielsweise die Moderationsrolle zu übertragen und neue Aufgaben ausprobieren zu lassen.
Vielfältige Ansätze, wie sich zukünftig mit der Akteursvielfalt in der Stadtentwicklung umgehen lässt, kristallisieren sich gegen Ende des Podcasts heraus. So ist eine komplexe, heterogene und mehrdimensionale Akteurslandschaft ein Faktum, um das Planer:innen und Prozessgestalter:innen nicht herumkommen, ohne dessen Potenziale sich aber auch die komplexen Problemstellungen heutiger Stadtentwicklung kaum lösen lassen. Die Planungspraxis scheint bereits in einem Wandel begriffen, sich darauf mit immer offeneren, umfassenderen und auch langfristigeren Prozessen einzustellen, wird aber sicherlich noch einiges zu tun haben.
Ich würde mir wünschen, dass klar wird, dass das Thema Vielfalt, und damit die gelebte Stadt, eigentlich diesen Kern einer Stadt ausdrückt.
Annegret Michler, 04/2021
Wir brauchen einen Kulturwandel, wie diese Planungsprozesse für das Wissen der Vielen geöffnet werden können. Und das geht nur, indem man Macht teilt und sich dafür öffnet und sich darauf einlässt.
Ferdinand Nehm, 04/2021
Nur auf ein Merkmal zu schauen greift einfach zu kurz, da müssen wir ganzheitlicher denken und das wünsche ich mir generell für die Themen, aber auch für die Akteure.
Birte Pereira, 04/2021
Annegret Michler ist Architektin und leitet das Büro Die Stadtentwickler für integrierte Stadtentwicklung in Kaufbeuren. Sie konzipiert und begleitet Planungs- und Stadtentwicklungsprozesse, darunter sind viele Projekte in Mittelstädten.
Birte Pereira ist Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin und arbeitet als Prozessbegleiterin bei dem interkulturell ausgerichteten IMAP-Institut in Düsseldorf. In dieser Funktion ist sie auch für partizipative Prozesse auf kommunaler Ebene zuständig mit Fokus auf Vielfalt und Integration.
Ferdinand Nehm ist Sozialwissenschaftler und tätig für das Institut für partizipatives Gestalten in Oldenburg. Für das Institut verantwortet er die Stadtwerkstatt Berlin, ein langfristig angelegtes Beteiligungsverfahren zur Stadtplanung in Berlin-Mitte. Dort organisiert und gestaltet er die Zusammenarbeit verschiedener Akteur:innen.
Videos in German: Agnes Förster, Harald Bodenschatz, Tilman Harlander, Uwe Altrock, Klaus Selle, Gisela Schmitt, Iris Reuther, Arne Lorz, Marion Klemme, Meike Levin-Keitel
Die Veranstaltung „Planungstheorie – wozu?“ nahm den 50-jährigen Werdegang der planungstheoretischen Forschung und Lehre in Aachen zum Anlass, um über mehrere Generationen hinweg eine exemplarische Standortbestimmung deutschsprachiger Planungstheorie zu versuchen.
The event “Planning theory – what for?” took the 50-year history of planning theory research and teaching in Aachen as an opportunity to attempt an exemplary assessment of the status quo of German-language planning theory over several generations.
Zu Beginn der 1970 Jahre, kurz nach der Gründung der ersten Planungsstudiengänge im deutschsprachigen Raum, wurde die Planungstheorie als Forschungs- und Lehrinhalt an verschiedenen Architektur- und Planungsfakultäten etabliert – so auch an der Architekturfakultät der RWTH Aachen. Schon damals variierten die theoretischen Zugänge der Planungstheorie von Hochschule zu Hochschule. In Aachen brachte Prof. Gerhard Fehl nach Auslandsaufenthalten die Ansätze der Systemtheorie aus dem anglo-amerikanischen Raum mit. Parallel zu der abflauenden Planungseuphorie richtete die Aachener Planungstheorie als umsetzungsorientierte Wissenschaft ihre Perspektive in der Folge auf den politisch-planerischen Kontext und später auf die Planungsgeschichte.
Screenshot der Veranstaltung. Im Bild: Agnes Förster, Harald Bodenschatz, Tilman Harlander, Gerhard Fehl und Uwe Altrock
In den folgenden Jahrzehnten setzte sich die Hinwendung zu prozeduralen Theorien des Planens mit unterschiedlichen thematischen Neuakzentuierungen der Berufung neuer Lehrstuhlinhaber:innen fort.
Die Veranstaltung „Planungstheorie – wozu?“ nahm den 50-jährigen Werdegang der planungstheoretischen Forschung und Lehre in Aachen zum Anlass, um über mehrere Generationen hinweg eine exemplarische Standortbestimmung deutschsprachiger Planungstheorie zu versuchen.
Auf einem interaktiven, virtuellen Whiteboard wurde diese Zeitleiste der Planungstheorie in Aachen gezeigt
Prof. Dr. Agnes Förster, Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung, RWTH Aachen University
Die derzeitige Lehrstuhlinhaberin Agnes Förster lädt mit der Frage „Auf welche Bedürfnisse reagiert die Planungstheorie?“ zu einem angeregten Austausch über die Planungstheorie als einem „Konstrukt in luftiger Höhe“ ein.
Agnes Förster ist aktuell ordentliche Professorin und Leiterin des Lehrstuhls für Planungstheorie und Stadtentwicklung an der RWTH Aachen University.
Prof. Dr. Harald Bodenschatz, Center for Metropolitan Studies, TU Berlin
Harald Bodenschatz schaut zurück auf die „Erfindung der Planungstheorie“ in Aachen aus der Perspektive seiner Assistententätigkeit an dem Pt-Lehrstuhl in den frühen 1970er Jahren. Die Planungseuphorie und Gesellschaftskritik jener Zeit prägen Lehre und Forschung, die in der Kooperation mit weiteren Lehrstühlen von Gerhard Fehl und einem interdisziplinären „selbstbestimmten“ Mittelbau getragen werden. In den Folgejahren befördern starke personelle Vernetzungen zwischen Aachen und Berlin und später auch weiteren Hochschulen den Austausch über die Planungstheorie, die Stadterneuerung und auch die Planungsgeschichte.
Harald Bodenschatz war von 1995-2011 Universitätsprofessor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin und ist jetzt assoziierter Professor des Center for Metropolitan Studies an der TU Berlin und Mitglied des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und der Planung an der Bauhaus-Universität Weimar. Er lehrte an der RWTH Aachen und an der TU Berlin seit 1972 in den Studiengängen Architektur sowie Stadt- und Regionalplanung.
Prof. em. Dr. Tilman Harlander
Auch Tilman Harlander gehört zu der ersten Assistentengeneration am Lehrstuhl Planungstheorie, den er bis zu seinem Weggang 1997 nach Stuttgart zuletzt auch ein Jahr lang kommissarisch leitete. Er zeigt anhand der Forschungsschwerpunkte die Schlüsselrolle der Planungsgeschichte auf und schildert die Diversifizierung der Lehr-und Forschungsinhalte in den 1980er/90er Jahren.
Tilman Harlander war 1972-1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Akademischer Oberrat und Privatdozent am Lehrstuhl für Planungstheorie. In den Jahren 1996/97 hatte er die Lehrstuhlvertretung Planungstheorie inne, bevor er an die Universität Stuttgart wechselte, wo er als Professor für Architektur- und Wohnsoziologie arbeitete. Seit seiner Emeritierung ist er in der Forschung und Beratung von Kommunen und Verbänden freiberuflich tätig.
Prof. Dr. Uwe Altrock, Stadterneuerung und Stadtumbau, Universität Kassel
Uwe Altrock schaut als Beobachter von außen auf die Planungstheorie in Aachen und versucht eine Standortbestimmung der Phase, in der Klaus Selle von 2001- 2018 den Lehrstuhl Planungstheorie und Stadtentwicklung leitete. Anhand der Themen und Positionen – unter anderem Planungskultur, Steuerung, Governance, kooperative Stadtentwicklung un Öffentlicher Raum – skizziert er das Bild einer „geerdeten“ Planungstheorie, die in dieser Zeit den Dialog von Theorie und Praxis beförderte.
Uwe Altrock ist seit 2006 Professor für Stadterneuerung und Stadtumbau an der Universität Kassel. Er ist dort Fachgebietsleiter der Stadterneuerung und Planungstheorie sowie Dekan des Fachbereichs Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung.
Dr. Klaus Selle, Universitätsprofessor i.R.
Der Rückblick von Klaus Selle auf seine fast zwanzigjährige Lehr- und Forschungstätigkeit am Pt-Lehrstuhl in Aachen widmet sich dem „Aachener Ansatz“ in Abgrenzung zur allgemeinen Debatte um Planungstheorie in jener Zeit. Gegenstand und Ausgangpunkt der vielfältigen Forschungsansätze im wechselseitigen Dialog zwischen Theorie und Praxis war stets die reale Stadtentwicklung.
Klaus Selle wurde im Jahr 2001 zum Professor des Lehrstuhls für Planungstheorie berufen. Er lehrte zuvor am Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover das Fach „Freiraumpolitik und Planungskommunikation“. Er setzt neue Schwerpunkte, die auch durch die Umbenennung des Lehrstuhls 2005 in Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung nach außen deutlich wurden.
Dipl.-Ing. Gisela Schmitt
Als langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pt-Lehrstuhl schaut Gisela Schmitt auf den parallel zur Planungstheorie in der 1970er Jahren etablierten Studiengang Stadtplanung und eine Lehre zwischen Wissenschaft und Praxistauglichkeit.
Gisela Schmitt war von 1987-2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung.
Prof. Dr. Iris Reuther, Dipl.-Ing. Arne Lorz und Dr. Marion Klemme
Im Dialog mit den genannten Vertreter:innen aus der Praxis diskutiert Agnes Förster über das Bedürfnis nach Wissen, Analyse, Reflexion und Austausch im Planungsalltag und die benötigten Kompetenzen für das „operative Geschäft vor Ort“.
Iris Reuther war von 2004-2013 als Professorin an der Universität Kassel tätig und ist seit 2013 Senatsbaudirektorin der Freien Hansestadt Bremen und leitet den Fachbereich Bau und Stadtentwicklung.
Arne Lorz ist seit 2018 Hauptabteilungsleiter der Stadtentwicklungsplanung in München. Zuvor arbeitete er als Leiter der Stadtentwicklung in Duisburg.
Marion Klemme ist seit 2014 Leiterin des Referats „Stadtentwicklung“ beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Sie war zuvor als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dortmund und RWTH Aachen tätig sowie als Juniorprofessorin an der Universität Münster.
Jun.-Prof. Dr. Meike Levin-Keitel, Räumliche Transformation im Digitalen Zeitalter, TU Dortmund
Wo stehen wir heute? In einer pointierten Zwischenbilanz richtet Meike Levin-Keitel den Blick auf eine Neuorientierung und Weiterentwicklung der Planungstheorie.
Meike Levin-Keitel ist seit 2020 Juniorprofessorin an der TU Dortmund und dort als Fachgebietsleiterin für Räumliche Transformation im Digitalen Zeitalter zuständig. Sie war zuvor als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover und als Lehrbeauftragte an der HafenCity Universität Hamburg tätig.
Podcast in German: Martin Jungmann, Monika Neuhöfer-Avdić & Markus Neufeld, January 13 2021
In order to be able to cope with the complex transformation tasks of our time, it is necessary to strengthen local links. By promoting a moderated exchange between different institutions and civil society, a breeding ground for change is created in small medium-sized cities. This requires places and formats of encounter to jointly develop new ideas and alliances. In the future, these synapses must be consciously considered in planning in order to improve the future competencies of the cities.
Um den vielschichtigen Transformationsaufgaben unserer Zeit gewachsen zu sein, bedarf es einer Stärkung von lokalen Verknüpfungen. Über eine Förderung des moderierten Austauschs zwischen unterschiedlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft entsteht ein Nährboden für Wandel in kleinen Mittelstädten. Hierfür bedarf es Orten und Formaten der Begegnung, um gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und Allianzen zu bilden. In Zukunft gilt es, diese Synapsen bewusst in der Planung mitzudenken, um Zukunftskompetenzen der Städte zu stärken.
An der Hochschule ist viel akademisches Wissen vorhanden. Das wird aber nicht per se abgerufen. Es bedarf einer Möglichkeit des Austauschs, damit dieses Wissen vor Ort zur Geltung kommt.
Markus Neufeld 01/2021
Auf der Suche nach Potentialen und Herausforderungen im Hinblick auf Wissen und Wandel in kleinen Mittelstädten, führen Agnes Förster und Jana Melber für das Graduiertenkolleg Mittelstadt als Mitmachstadt ein Gespräch mit Martin Jungmann aus Jülich, Monika Neuhöfer-Avdić aus Lörrach und Markus Neufeld aus Coburg. Aus unterschiedlichen Institutionen heraus zeichnen sie ein weites Bild, das Einblicke in sehr dynamische lokale Begebenheiten bietet und Herausforderungen im Umgang mit Wandlungsprozessen und Wissensorten benennt.
Auch Verwaltung in der Kommune ist ein Wissensort, weil wir mit offenem Blick schauen: Wie sieht denn die Stadt der Zukunft aus? Was sind die Aufgaben? Und damit meine ich nicht nur die gebaute Stadt, sondern auch die des Zusammenlebens.
Monika Neuhöfer-Avdić 01/2021
Die Verknüpfung von Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung ist die Königsdisziplin. In der Theorie gibt es immer einen Schnittpunkt, in der Realität manchmal nur eine Momentaufnahme.
Martin Jungmann 01/2021
Die Skizzierung der Wissenslandschaft in kleinen Mittelstädten zeigt deutlich, dass durch Bildungsstandorte, Unternehmen – mit Forschungseinrichtungen – und Hochschulen ein reicher Wissensfundus vorhanden ist und in Wert gesetzt wird; gleichzeitig werden die Institutionen als geschlossen und wenig zugänglich im Umgang mit Wissensressourcen wahrgenommen. Um mehr Öffnung zu wagen, gilt es, Vertrauen aufzubauen, um einen stärkeren Austausch unter den einzelnen Einrichtungen anzuregen und mit Wissen aus der Gesellschaft anzureichern.
Hierzu bedarf es neuer Formate, die das Anzapfen von Wissen für die Gesellschaft ermöglichen, sowie physischer Orte, die zu Begegnungen anstiften. Durch das Angebot kann ein Nährboden geschaffen werden, um gemeinsam Lösungen zu suchen und Angst vor Veränderungen zu nehmen sowie Optionen und Chancen zu vermitteln. Für das vielschichtige Aufgabenfeld der Stadtentwicklung stellen neue Impulsorte und Formate des Austauschs Prozessbausteine dar, die durch den bewussten Einsatz als Katalysator für Entwicklungen dienen können. Dabei sind vor allem Kommunen gefragt, aber auch neue Allianzen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Insbesondere Hochschulen haben hier die Möglichkeit, über Experimente Diskurs anzuregen und neue Impulse zu setzen. In den dynamischen Zeiten der Pandemie verlagern sich etablierte Wissenseinrichtungen in den digitalen Raum. Dabei können physische Orte für Begegnung und Austausch von Wissen an Relevanz gewinnen, als Kompensation der Digitalisierung und als Chancen für das Lokale.
Es braucht Orte, die Austausch ermöglichen und zu einem Impulsort werden: um Strömungen zu generieren, die Zukunftsthemen aufspüren.
Monika Neuhöfer-Avdić 01/2021
In die Lücke, dass Hochschulen nicht selbst Gebäude bauen können, wollen wir einspringen und Raum schaffen, der so innovativ ist, dass ein Milieu entsteht, wo sich Wissen verselbstständigt und potenziert.
Martin Jungmann 01/2021
Ich halte es für extrem wichtig, dass eine Hochschule sich die Freiheit herausnimmt zu experimentieren – und auch zu provozieren, um Austausch und Denkanstöße anzuregen.
Markus Neufeld 01/2021
Martin Jungmann ist Projektmanager für das Projekt Brainergy Park in Jülich, einem interkommunalen Gewerbegebiet, das als Antwort auf den Strukturwandel im Rheinischen Braunkohlerevier aktuell entsteht. Durch die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft werden neue Perspektiven für Jülich und die Region generiert.
Monika Neuhöfer-Avdić, Bürgermeisterin der Stadt Lörrach, liegt als Architektin und Stadtplanerin insbesondere die Gestaltung des Stadtraumes am Herzen, um die Lebensqualität in Lörrach zu erhöhen. Sie ist davon überzeugt, dass Stadtplanung nur unter Einbeziehung der Bürger:innen gelingt, und strebt stets einen intensiven Dialog mit der Bürgerschaft an.
Dr. Markus Neufeld ist Projektleiter der Innovations- und Vernetzungsplattform CREAPOLIS an der Hochschule Coburg. Mit einem interdisziplinären Team arbeitet er vor Ort an einer systematischen Steigerung der regionalen Vernetzung und des Wissenstransfers, um so einen Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft in der Region zu schaffen.
Podcast in German: Chris Herrmann, February 11 2021
With Quartier U1 in Nuremberg, the Urban Lab team is pursuing the goal of introducing actors from urban and civil society to help shape the city. The core business is imparting knowledge and practical guidance on all aspects of promoting low-threshold offers in the district. The reason for the project was pilot funding from the national urban development policy “Shaping the city together!” in 2018.
Mit dem Quartier U1 in Nürnberg verfolgt das Team von Urban Lab das Ziel, Akteure aus der Stadt- und Zivilgesellschaft an die Mitgestaltung von Stadt heranzuführen. Das Kerngeschäft ist die Vermittlung von Wissen und die praktische Anleitung rund um die Förderung von niederschwelligen Angeboten im Quartier. Anlass für das Projekt war eine Pilotförderung der Nationalen Stadtentwicklungspolitik „Stadt gemeinsam gestalten!“ in 2018.
Sketches from the interview with Chris Herrmann designed by Angelina Bolten for What/Next 2021
Wir stehen eigentlich immer zur Verfügung, um verschiedene Probleme zu lösen und versuchen Steine aus dem Weg zu nehmen.
Chris Herrmann 02/2021
Um gemeinwohlorientierte Projekte anzustoßen und in ihren Aktivitäten zu begleiten, hat das Team von Urban Lab eine Reihe griffiger Tools entwickelt. Das „Amt für Ideen“ ist als neue bürgerschaftliche Institution eine feste Anlaufstelle für die Bürgerschaft. Die “Akteursförderung” kombiniert finanzielle Projekt-Förderung mit Wissensvermittlung und Community-Arbeit. Das „Testival“ lädt dazu ein, erste Formate des Stadtmachens für alle erlern- und erlebbar zu machen. Bei der “Intervenz” trafen sich Vertreter:innen aus Bauverwaltung, Aktionskunst, Architektur und Sozialem Aktivismus, um die Themenwelten der urbanen Interventionen zu erforschen. Und ein „Reisekatalog“ macht auf versteckte Aktivitäten im Quartier aufmerksam.
Den Quartiersbegriff definiert Urban Lab mit der U-Bahnlinie neu. Die U1 ist der rote Faden, der über kurze Zeiträume diverse Angebote und Akteure im Stadtraum miteinander verbindet. Sie ist mit ihrem hohen und heterogenen Besucheraufkommen eine effektive Kontaktfläche für den Austausch über das „Stadtmachen“ und schafft eine Quervernetzung über die diffusen Grenzen der kleinsten Einheiten der Stadt hinweg.
Wir wollen, dass eine Vielzahl von Blickwinkeln (…) auf verschiedene Probleme Einzug hält und verschiedene Lösungen produziert werden. Ob die Lösungen funktionieren und dauerhaft angeboten werden, zeigt sich dann – wie in der Natur.
Chris Herrmann 02/2021
Das Team von Urban Lab versteht sich als Moderator zwischen den verschiedenen Akteuren, die sich auf dem neu eröffneten Spielfeld begegnen. Urban Lab vermittelt zwischen der Verwaltung und der Zivilgesellschaft sowie den etablierten Akteuren, die nun selbst diverse neuartige Angebote und Lösungen produzieren. Es nutzt dabei die bereits vorhandenen Strukturen wie zum Beispiel die Stadtteilarbeitskreise und Quartiersbüros als Ressourcen.
Lieferte die Bevölkerung über die üblichen Beteiligungsinstrumente Input zu vorab festgelegten planerischen Fragen und Aufgaben, bieten das Quartier U1 und dessen Vertreter:innen nun Rahmenbedingungen dafür, eigene Fragen zu stellen und mit Projektvorschlägen zu beantworten.
Das hat eine ganz starke Dimension im Hinblick auf lokale Demokratie, die man lebt. Wer darf Fragen stellen? Wer findet Gehör? Wer findet Resonanz?
Agnes Förster 02/2021
Chris Herrmann ist Kommunikationsdesigner und leitet das Projekt Quartier U1 in Nürnberg im Team von Urban Lab, einer gemeinnützigen Unternehmung mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung für das „Stadtmachen“ zu begeistern.
Interview with Dries Van Ransbeeck, September 11 2020
Digital Citymaking initiatives can be found around the globe. Dries Van Ransbeeck shares how he and other volunteers in Belgium use their local and global networks to generate data that help them express important issues, but also develop solutions for very practical challenges – such as vacationing safely during a pandemic.
Digitale Stadtmacher-Initiativen können auf der ganzen Welt beobachtet werden. Dries van Ransbeeck berichtet, wie er und andere Freiwillige in Belgien ihre lokalen und globalen Netzwerke nutzen, um Daten zu generieren, mit denen sie wichtige Themen kommunizieren können, aber auch Lösungen für ganz praktische Herausforderungen entwickeln – etwa ein sicherer Urlaub während einer Pandemie.
Sketches from the interview with Dries Van Ransbeeck, designed by Martin Bangratz for What/Next 2020
As a digital citymaker, open data enthusiast and avid cyclist, Dries Van Ransbeeck is highly involved within a Belgian network of like-minded people. Until recently, he was the coordinator for the Belgian chapter of Open Knowledge, a global initiative for open access to information and data. Although independent in terms of their activities, the initiative is part of a movement taking place all over the world, of people advocating for more open knowledge but also exchanging best practices and ideas for projects. Even during the pandemic-induced lockdown, Mr. Van Ransbeeck co-organized a digital edition of the Open Summer of Code, a one-month program for students to work on open source projects together, for the tenth year running. Students from programming, design, communications and business programs are connected with professional coaches to come up with solutions for challenges faced by public and private partners.
Being at the crossroads of all those different actors means that you get input, and also projects and impact that really make sense for broader society.
Dries Van Ransbeeck 09/2020
Dries Van Ransbeeck finds his motivation in the multifaceted work with these different stakeholders, from governmental organizations to private companies, civil society, and research institutions. The mere connection of different people in a project can sometimes lead to a change in attitudes, but the projects themselves go far beyond that in their public impact. For instance, the project EqualStreetNames brought a group of volunteers together who mapped the streets of Greater Brussels according to the gender of their names. Not all participants were in it to make a statement from the beginning, but rather because they enjoyed mapping. However, through the process of collaborating on a project around gender equality, they were sensitized to the issue themselves. But most importantly, citizens were able to harness digital tools to communicate their concerns with the government and broader society. As Mr. Van Ransbeeck puts it, citizens are empowered to “move up the participation ladder” from passive information towards taking action. In the example of EqualStreetNames, a debate on renaming streets has been fuelled and has so far led to one tunnel being renamed.
While going through the whole process with citizens, it also showed us that we were the party facilitating citizens in creating a voice towards society, towards government.
Dries Van Ransbeeck 09/2020
But the impact they observed did not stop there. EqualStreetNames started out in Brussels as an open source project, meaning that anyone would be able to replicate it in another city. The data itself came from other open sources – geographic data from OpenStreetMap and genders from Wikipedia articles. The volunteer work consisted in linking the existing data. The knowledge thus created was not a one-off but based on global data, which made the process sustainable and contributed to a bigger movement. It does require some technical skills, Mr. Van Ransbeeck admits, but in most cities it would not take long to find other volunteers willing to help. The project has since triggered a larger movement and was replicated in a few places in the Netherlands as well as Berlin.
He describes the beginning of the pandemic as a tremendous change as Belgium entered into its first lockdown and all activities moved online. Many activities were slowed down and refocused on a neighborhood level. Personally, Mr. Van Ransbeeck began checking out local trails on OpenStreetMaps and adding new ones to it. On his walks, he came up with a new idea: Welcome To My Garden, a platform similar to Couchsurfing but for tents, as a pandemic-safe option for domestic vacations. After setting up a basic map, more than 300 users registered and offered their gardens within the first week. At this point, it became too much work to add new entries to the map manually, and Dries Van Ransbeeck had to reach out to his local community to find developers willing to set up an automatic platform. By the time of the interview, 1.900 gardens had been added, with the first popping up in Germany. This proves, once again, the potential of new ideas to spread quickly via online media when their timing is right. But as Mr. Van Ransbeeck notes, the reason he was able to set it up as quickly as he did was because of his personal network, which had been growing over the years.
The latest project started by the volunteers once again aims to collect and share data on a topic that is currently underserved: while there is plenty of data on cars, not much is known about how cyclists move around the city. Bike Data Project is a platform for cyclists to contribute trip data with the aim of making cities more bike-friendly. As usual, all non-sensitive data is publicly available, following a principle of differential privacy, meaning the data is aggregated and not attributable to individuals.
What makes such projects special is their situation at the intersection of public interest and private initiatives. In comparison, private initiatives are more flexible and quicker to respond to pressing issues and new situations than their counterparts in public administration. Their success also seems to come down to the dedication of individuals, but especially the interaction within networks. The better and easier it is for different stakeholders to collaborate, the higher the number and quality of projects will be.
Dries van Ransbeeck was the coordinator of the Belgian chapter of Open Knowledge until 2020. He is currently on a quest to create a bicycle that is local, open and circular.
Wie können Begegnungen frühzeitig die beidseitige soziale Integration von Personen mit Fluchthintergrund fördern? Wie kann ein Austausch auf Augenhöhe trotz unterschiedlicher Aufenthaltsdauer im Quartier gelingen? Der folgende Beitrag befasst sich mit den räumlichen Potenzialen von Transit- und Begegnungsorten. Als Ergebnis der Masterarbeit „Vernetzungsprozesse als Integrationswerkzeug“ wird am Beispielort Adliswil im Kanton Zürich (CH) ein möglicher Vernetzungsprozess aufgezeigt, der die Adliswiler Bevölkerung frühzeitig in die partizipative Gestaltung einbindet, ein sogennanntes Durchgangszentrum kontrolliert öffnet und zur räumlichen und sozialen Quartiersaufwertung beiträgt.
How can encounters at an early stage promote the mutual social integration of people with a refugee background? How can an exchange at eye level be successful although some residents might stay in the neighborhood for a limited time? The following article deals with the spatial potential of transit and meeting spaces. As a result of the master thesis “Networking Processes as an Integration Tool”, a networking process will be demonstrated using the example of Adliswil in the canton of Zurich (CH). This process will involve the population of Adliswil in a participatory design at an early stage, open a transit center in a controlled manner and contribute to the spatial and social upgrading of the neighborhood.
Programmierung des Ortes, Illustration von Anne Fabritius 2020
Transit-Orte, als Orte des Hindurchgehens (vgl. Wilhelmer 2015: 7), sind durch die kurze Verweildauer ihrer Nutzer:innen bestimmt. Der Warteraum eines Bahnhofs, als Zwischenhalt auf Reisen, ist solch ein Transit-Ort, an dem flüchtige Begegnungen oder unverhoffte Aufeinandertreffen unterschiedlichster Personen möglich sind.
Bewohner:innen von Asylunterkünften befinden sich in einem “Schwebezustand des Noch-Nicht und Nicht-Mehr” (Wilhelmer 2015: 38) einer langen Reise. Der französische Soziologe Michel de Certeau definiert diesen Ort als statisch und fixiert, während sich der umliegende Raum dynamisch und flexibel entwickeln kann. Durch gemeinsames Handeln spannen sich entsprechend der Definition von Soziologin Martina Löw Räume auf, sodass an einem Ort mehrere dieser Räume nebeneinander sowie in Konkurrenz zueinander existieren können (vgl. Löw 2001: 273). Trotz des feststehenden Beherbergungsorts können sich folglich unterschiedlichste Sozialräume zwischen der Asylunterkunft und ihrer Umgebung aufspannen und miteinander verwachsen.
Ob Personen mit Fluchthintergund in der Schweiz bleiben dürfen, legt ihr Verfahrensentscheid fest. Trotz der Neustrukturierung des Schweizer Asylsystems seit März 2019 befinden sich Geflüchtete oft über einen längeren Zeitraum in einem Schwebezustand des Wartens. Durch ihren Asylstatus und die damit verbundene rechtliche Situation haben sie einen äußerst eingeschränkten Handlungsspielraum. (vgl. Felder 2019: 99) Die Ungewissheit über die Zukunft und Handlungsunfähigkeit, Sprachbarrieren und lokale Orientierungslosigkeit führen häufig zu sozialer Isolation. Durch wohnliche Separation im städtischen Kontext entsteht zudem kaum Kontakt zur einheimischen Bevölkerung (vgl. Bauer 2017: 7) und Sozialräume erstrecken sich selten über die Asylunterkunft hinaus.
Zumeist sind Asylunterkünfte durch ihre marginalisierte Lage charakterisiert. So soll am Stadtrand von Adliswil ein neues Durchgangszentrum für geflüchtete Menschen mit Bleibeperspektive anstelle eines alten Provisoriums errichtet werden. Räumliche, aber auch soziale und politische Barrieren führten zur Isolation der aktuell dort wohnenden Menschen. Mit dem Neubau geht auch eine Nutzungsänderung von einem Rückkehrzentrum für Abgewiesene Asylsuchende zu einem Durchgangszentrum für Personen mit erhöhter Bleibeperspektive und gesetzlich festgelegten Integrationsbestrebungen einher.
Im neu zu planenden Durchgangszentrum in Adliswil werden geflüchtete Personen mit erhöhter Bleibeperspektive temporär beherbergt. Personen, die nach ihrem Entscheid nur vorläufig im Land bleiben dürfen oder noch auf ihren Entscheid warten, verlassen nach vier bis sechs Monaten das Durchgangszentrum wieder und werden von Schweizer Gemeinden aufgenommen. Anerkannte Flüchtlinge haben bereits einen positiven Entscheid erhalten und müssen nun eigenständig eine Wohnung finden. Aufgrund von fehlende Kontakten, Mietreferenzen und limitierter Sprachkenntnissen verbleiben sie daher deutlich länger vor Ort. (vgl. Handbuch – 3.1.04. Unterstützungszuständigkeit für Personen des Asyl- und Flüchtlingsbereichs 2020) Ihre Kinder besuchen die örtlichen Schulen und Kindergärten und knüpfen rasch Freundschaften mit Gleichaltrigen. Der Austausch zwischen erwachsenen Personen mit Fluchthintergrund und der ansässigen Anwohnerschaft findet jedoch nur vereinzelt statt, da soziale und kulturelle Hemmschwellen überwiegen. Orientierungslosigkeit und Sprachbarrieren erschweren die Alltagsgestaltung der Ankommenden. Ihre fremde Kultur und Sprache sowie der Flüchtlingsstatus behindert den unvoreingenommenen Austausch der Schweizer Bevölkerung mit den Geflüchteten. Integrationsfördernde Maßnahmen sind hier besonders gefordert.
Das kantonale Sozialamt Zürich trägt die Verantwortung für den Betrieb von Durchgangszentren und ist auch für die Durchführung von Integrationsprogrammen mit Neuankömmlingen, die längerfristig in der Schweiz bleiben, zuständig. Das Departements Soziales der Gemeinde Adliswil fördert aktiv die Quartiersvernetzung, um so sozialen Zusammenhalt und Sicherheit quartiersübergreifend zu gewährleisten. Als in der Gemeinde Adliswil verortetes Durchgangszentrum ist das Zusammenspiel der Bewohner:innen des Zentrums und den Adliswiler Bürger:innen von großem Interesse. Aufträge von Gemeinde und Kanton sind hier deckungsgleich und stützen sich auf dieselben Akteure. Um ein friedliches Zusammenleben von Ortsansässigen und Geflüchteten zu ermöglichen, ist die Kooperation von Kanton und Gemeinde von hoher Relevanz.
Ausgehend von der Annahme, dass fortschreitende Vernetzung soziale Sicherheit, Zusammenhalt und Integration bewirkt, ist das folgende Konzept am Beispiel der Gemeinde Adliswil entwickelt worden.
Der Standort des Neubaus liegt in der Sihlau, am Stadtrand von Adliswil. Das Grundstück, auf dem bis zum März 2021 noch die Containerbauten des alten Rückkehrzentrums stehen, befindet sich direkt am Sihlufer. Der Flusslauf an der einen Seite und die Zuggleise an der anderen trennen das Grundstück mit der benachbarten Rudolf-Steiner Schule und dem anliegenden Standplatz der Jenischen gegen zwei Wohnquartiere ab. Auch jenseits der baulichen Barrieren sind die Anwohner:innen dem Bauvorhaben gegenüber skeptisch eingestellt und so kommt zu der baulichen auch eine mentale Barriere hinzu.
Dennoch spannen sich in dem Gebiet mögliche Begegnungsräume auf. So wird ein Randstück des Standplatzes der Jenischen als gemeinsame Anbaufläche genutzt. Gemäß der Aussage eines Bewohners des angrenzenden Quartiers Sihlmatten pflanzte er hier im April 2020 das erste Gemüse in Hochbeeten an. Das Projekt entwickelte sich zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen: Personen kommen vorbei und nehmen sich beispielsweise ausgewachsenen Spinat mit. Im Gegenzug bringen sie das nächste Mal Dünger und Erde vorbei.
Bereits realisierte Partizipationsprojekte, wie der Prinzessinnengarten am Moritzplatz in Berlin oder das Projekt ALTER am Alten Messplatz in Mannheim, haben vergleichbare Begegnungsorte für ein heterogenes Umfeld geschaffen und damit die soziale Vernetzung unterschiedlicher Anwohnerschaften ermöglicht. Als gemeinschaftlich bewirtschafteter Ort gestalten sich im Prinzessinnengarten Aktivitäten wie gärtnern, verköstigen und diskutieren als anhaltende Lernprozesse. Der Gemeinschaftsgarten entstand 2009 durch die Initiatoren Robert Shaw und Marco Clausen, die durch einen öffentlichen Aufruf hunderte Freiwillige mobilisierten und gemeinsam eine jahrzehntelang bestehende Brachfläche in Berlin transformierten. In Mannheim transformierte der 2018 gegründete Verein POW! e.V. mithilfe zivilgesellschaftlichen Engagements einen unsicheren Parkplatz in eine öffentliche Spielfläche. Aus einem Problemraum entstand so eine lebendige Spiel- und Begegnungsfläche ohne Konsumzwang.
Beide Projekte sind durch bestimmte Kriterien des Miteinanders geprägt. So werden die Orte durch Partizipationsprozesse über einen Initiator oder eine Initiatorin aktiviert. Durch ihre Transformation ändert sich die Wahrnehmung der Orte und ihre neue Programmierung ermöglicht Mitwirkung. Über programmatische und bauliche Maßnahmen begegnen Menschen einander auf Augenhöhe und unterschiedliche Akteure werden miteinander vernetzt. Über das Mitmachen hinaus verbindet Initiator:innen und Unterstützer:innen ein bestimmtes gemeinwohlorientiertes Ziel. Nicht zuletzt ist die Mitwirkung von Kindern von hoher Relevanz. Die unterschiedliche Herkunft ihrer Spielgefährti:innen ist für die Kinder unwichtig und so übernehmen sie eine Brückenfunktion.
Um Vernetzungsprozesse in und um das Adliswiler Durchgangszentrum in Bewegung zu bringen, muss das Gebiet Begegnungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten bieten. Eine neue Anbindung kann gemeinsame Wege generieren, sodass im Alltag Anwohner:innen der umliegenden Quartiere und des Zentrums häufiger aufeinander treffen. Die Programmierung mit neuen Nutzungsmöglichkeiten und Anreizen im Außenraum ist notwendig, damit dieser von der Anwohnerschaft wieder regelmäßig aufgesucht und nicht bewusst gemieden wird.
Partizipation der Anwohner:innen in Form von Mitgestaltung und Teilhabe ist hier von großer Bedeutung, um das Durchgangszentrum auf diese Weise neu zu kontextualisieren und gleichermaßen die Quartiere im Interesse der Ortsansässigen aufzuwerten. Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, und Erinnerungsprozesse lassen als “Synthese” individuell geprägte Raumbilder entstehen. (vgl. Löw 2001: 158f.) Aus Zusammenarbeit und Teilhabe kann sich so ein kollektives Raumbild entwickeln und Eigenverantwortung für den Ort übernommen werden. Durch das Einbringen ihrer persönlichen Geschichten spielen Schlüsselpersonen mit Fluchterfahrung im Vernetzungs- und Partizipationsprozess eine große Rolle für das Entstehen eines kollektiven Raumbilds, das die Position von Geflüchteten mit einbezieht und so die spätere Integration der künftigen Bewohner:innen der Asylunterkunft erleichtert.
Ein Vernetzungsprozess erfolgt in vier Phasen: Aktivierung, Verbindung, Programmierung und Verstetigung des Ortes. Als ergebnisoffener Partizipationsprozess vollzieht sich die Gestaltung auf drei Ebenen: Auf der a. baulichen Ebene sorgen Kanton und Stadt für infrastrukturelle Anbindung und den Gebäudeneubau, der durch Informationsaustausch, Diskussionen und Empfehlungen von der Anwohnerschaft auf der b. kommunikativen Ebene begleitet wird. Die c. performative Ebene ermöglicht den Beteiligten, sich das Gebiet neu anzueignen und die Umgebung mitzugestalten. Gemeinsame Aktivitäten, Aktionen und Projekte formen den sozialen Raum, der sich als dynamische Konstellation definiert, die durch die Performance ihrer Nutzer:innen erzeugt wird (vgl. Wolfrum u.a., 2015: 23). Die performative Ebene kann sich mit fortlaufender Prozessgestaltung auch räumlich ausweiten. Anhand einer entsprechenden modellhaften Gestaltungsmatrix lässt sich durch Einbeziehen aller betroffenen Akteure der mögliche Prozessverlauf für das Gebiet in der Sihlau schematisch verdeutlichen.
Gestaltungsmatrix, Anne Fabritius 2020
Als Initiator:innen des partizipativen Gestaltungsprozesses für die Sihlau bestimmen die Gemeinde und der Kanton gemeinsam die Rahmenbedingungen. Sie stellen ein interdisziplinäres Moderationsteam aus Planer:innen, Sozialarbeiter:innen und Schlüsselpersonen mit Migrationshintergrund zusammen, das den Prozess begleiten und zwischen den verschiedenen Akteuren vermitteln wird.
Im neuen Format, als Straßenfest, findet das in Adliswil bereits etablierte „Fest der Kulturen“ im Jahr 2021 in der Sihlau statt. Der multikulturell geprägte Ort wird so neu kontextualisiert und bei den besuchenden Adliswiler Bürger:innen über die performative Ebene wieder ins Bewusstsein gerufen. Die weitere Transformation des Ortes geschieht im Dialog mit den Ortsansässigen, die so mit ihren persönlichen Ressourcen ihr eigenes Wohnumfeld aufwerten können. Sobald die Bewohner:innen der Containerbauten des ehemaligen Rückkehrzentrums dezentral im Großraum Zürich entsprechend ihres sozialen Umfelds beherbergt sind und Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge den fertiggestellten Neubau beziehen, können sie sich ebenfalls mit ihren eigenen Ressourcen am Transformationsprozess beteiligen.
Die bereits bestehende Anbaufläche vor Ort gibt den Anreiz, gemeinschaftlich betriebene Gartenflächen auszuweiten. Beim Selbstbau von Hochbeeten packen Groß und Klein mit an und stärken so das individualisierte Bild des Gebiets mit dem gemeinwohlorientierten Ziel, Begegnungen zu fördern und nebenbei auch etwas für die Selbstversorgung im Gebiet zu leisten. Im Rahmen einer Vereinsgründung werden nun auch Räumlichkeiten im Neubau bezogen.
Regionale Nutzpflanzen werden gemeinsam angebaut und ihr Ertrag weiterverwertet. Durch regelmäßigen Austausch der Anwohner:innen untereinander und mit den Neuankömmlingen wird die Vernetzung immer engmaschiger und gewährleistet Zusammenhalt und Sicherheit im Quartier. Die Pflege von Gemeingütern wie Gemüse- und Kräutergarten oder einer gemeinschaftlich organisierten Bücherbox führen zur Übernahme von Eigenverantwortung. Immer wieder neu gesetzte Impulse durch die Anwohnerschaft und die Bewohner:innen des Durchgangszentrums steuern das Projekt und sorgen für Begegnungen auf Augenhöhe unter den handelnden Akteure. Eine ehemals wilde Graslandschaft, die in einer Sackgasse endete, wird so zum frequentierten Flussufer, an dem Begegnungen oftmals über den Kontakt der Kinder stattfinden. Durch die wechselnde Bewohnerschaft im Durchgangszentrum gibt es fortlaufend neue Impulse und bereits gemachte Erfahrungen werden weitergegeben. Das Projekt kann sich dementsprechend beliebig weiter entwickeln und verselbstständigen. So öffnet sich das Durchgangszentrum als Quartierstreffpunkt. Handwerker:innen und Künstler:innen, die in den angrenzenden MSA-Werken tätig sind, kommen nun für den angebotenen Mittagstisch beim Zentrum vorbei. Auch Fahrrad-Touristen machen dort Halt, um einen erfrischenden Möhrensaft zu genießen.
Lageplan, Anne Fabritius 2020
Sind zum Ende des Gestaltungsprozesses die Quartiere gut miteinander vernetzt und findet der Austausch mit Bewohner:innen des Durchgangszentrums und Ortsansässigen regelmäßig statt, ist auch Sicherheit im Quartier gegeben und so ist eine beidseitige soziale Integration schnell möglich. Geflüchtete werden durch die Zusammenarbeit mit Schweizer:innen auf das künftige Leben in Schweizer Gemeinden gut vorbereitet. Durch bereits geknüpfte Kontakte kann es für Anerkannte Flüchtlinge zu einem rascheren Verfahrensabschluss und Verlassen des Durchgangszentrums kommen. Während die Bewohner:innen der umliegenden Quartiere ihnen soziale Kontakte vermitteln können, investieren die Geflüchteten ihre Zeitressourcen in das gemeinsame Projekt. Stärkerer sozialer Zusammenhalt baut die Überfremdungsängste der Ortsansässigen ab und sie begegnen Ankommenden mit Akzeptanz und Respekt.
Die neue Kontextualisierung des Durchgangszentrums in der Sihlau könnte als positive Referenz für Asylzentren an weiteren strategischen Standorten in der Schweiz dienen und eine Grundlage für Beschäftigungsmöglichkeiten der Bewohner:innen bieten. Schlussfolgernd sollten folgende Prinzipien bei der Planung von Durchgangszentren beachtet werden:
1. aktive Beteiligung der Quartiersbewohner:innen
2. räumliche Quartiersaufwertung
3. Durchlässigkeit ermöglichen und Verbindungen schaffen
4. Räume aktivieren und partizipativ bespielen
Die Planung des Neubaus eines Durchgangszentrums darf nicht als unabhängig ausgeführte Bauaufgabe betrachtet werden, sondern sollte das betroffene Umfeld mit einbeziehen und damit den Bau mit dem Umfeld aktiv vernetzen. Für den Architekten Giancarlo de Carlo ist Architektur zu wichtig, um sie ausschließlich Planer:innen zu überlassen (vgl. Kuhnert u.a., 2013: 03). Räume sollten stets für und mit den Nutzer:innen gestaltet werden. Durch Partizipation wird der Transit-Ort verhandelbar und das Durchgangszentrum kann – wie die Bezeichnung an sich schon impliziert – tatsächlich „durchlässig“ werden.
Quellenverzeichnis
Ausländer- und Integrationsgesetz, AIG, [online] https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20020232/index.html#fn1 [18.11.2020]
Bauer, Isabella (2017): Unterbringung von Flüchtlingen in deutschen Kommunen: Konfliktmediation und lokale Beteiligung, in: flucht-forschung-transfer.de, [online] https://flucht-forschung-transfer.de/wp-content/uploads/2017/05/IB-SoR-10-BAUER_ Konfliktmediation-1.pdf [14.05.2020].
Felder, Alexandra (2019): Integration durch Bildung und Erwerbsarbeit in Zeiten von «Unsicherheit» – die Perspektive der Asylsuchenden, in: Migration und Berufsbildung in der Schweiz, S. 77–102, [online] https://seismoverlag.ch/en/daten/migration-und-berufsbildung-in-der-schweiz/ [11.08.2020].
Kanton Zürich Sicherheitsdirektion Sozialhilfe (2020): Unterstützungszuständigkeit für Personen des Asyl- und Flüchtlingsbereichs, in: sozialhilfe.zh, [online] http://www.sozialhilfe.zh.ch/Handbuch/3.1.04.%20Unterst%C3%BCtzungszust%C3%A4ndigkeit%20f%C3%BCr%20Personen%20des%20Asyl-%20und%20Fl%C3%BCchtlingsbereihs.aspx [23.06.2020].
Kuhnert, Nikolaus / Ngo, Anh-Linh / Hansmann, Sabine (2013): Bauen und Gebrauchen – Eine neue Öffentlichkeit der Architektur, in: Arch +, Jg. 2013, Nr. 211/212, S. 03.
Löw, Martina (2001): Raumsoziologie, Frankfurt am Main, Deutschland: Suhrkamp.
Wilhelmer, Lars (2015): Transit-Orte in der Literatur: Eisenbahn – Hotel – Hafen – Flughafen, Bielefeld, Deutschland: Transcript Verlag.
Wolfrum, Sophie / Brandis, Nikolai Frhr. v. (Hrsg.) (2015): Performative Urbanism: Generating and Designing Urban Space, Berlin, Deutschland: Jovis.
Anne Fabritius studied Architecture in Aachen, Bangkok and Lausanne and graduated in August 2020 holding a master’s degree in architecture from RWTH Aachen University. As an expert in the field of social architecture and networking, she is currently working at kitev (Kultur im Turm e.V.) in Oberhausen and is also involved with the association Architecture For Refugees Switzerland.
The public urban space – made of open spaces and the corresponding ground floor zones – is available to residents and users in a certain way. Now these spaces are no longer used, or they are used in a different way. Stefan Rettich is researching the potential of obsolete functions and their relations to public spaces and how we can develop the city to make it less vulnerable in the future.
Der öffentliche Stadtraum – bestehend aus Freiräumen und den dazugehörenden Erdgeschosszonen– steht für Bewohner*innen und Nutzer*innen auf eine bestimmte Weise zur Verfügung. Nun werden diese Räume nicht mehr oder auf eine andere Weise genutzt. Stefan Rettich forscht daran, welches Potential obsolet gewordene Funktionen und welche Beziehung diese zu öffentlichen Räume haben und wie wir zukünftig Stadt entwickeln können, damit sie weniger verwundbar ist.
Sketches from the interview with Stefan Rettich, designed by Eva Strobel for What/Next 2020
Urban development is becoming more and more complicated due to the increasingly complex demands on urban space. The inner cities accommodate a multitude of different uses in their interplay. And the public spaces of a city – where masses of people meet in pursue of their actions – are designed by planners for this specific use, and believing that demands in density and activity rather grow in the future.
Our street levels are the resonating body of the public spaces.
Stefan Rettich 07/2020
In times of the Pandemic we are now observing that a large part of our vibrating spaces are no longer used in their original way: they have lost their full functionality. We can describe those urban spaces and functions as ‘obsolete’, i.e. that they no longer serve their purpose in the present time. They have become unusable, at least for a certain period of time. Above this, it unfolds that uses migrate and vacancies form. We are familiar with these processes from the past, except that today they occur suddenly and spontaneously many niches emerge. At some point we will be able to use our public spaces more freely again, but where exactly are we heading?
We can find land reserves for inner city development when we look at those that have become obsolete.
Stefan Rettich 07/2020
Stefan Rettich takes the Pandemic as an opportunity to identify the system-relevant resonance body of our cities through a Corona burning glass. Public space, including its first floor zones, is currently obsolete and presents itself as particularly vulnerable due to the changed rules of use – they resonate strongly. Many cities have developed a strong life of their own, partly due to the intensive use of public space over decades, even if intended by the planners. Just like our planning approach, which is developing more and more into an actor-oriented planning world. So there is a lot of potential through people and their adaptability. But what space do people need to be able to adapt well?
We must now call up the critical discourses that have taken place in the wake of crises: There might be a Renaissance of interim uses.
Stefan Rettich 07/2020
Compared to other crises, e.g. the Shrinking Cities phenomenon, everything happens very quickly in a pandemic. So it is important that we now recall the critical discourses that have already taken place and ask ourselves: How can we help ourselves to interim use without exploiting these pioneers? Which actors need which spaces? If money becomes scarcer in the future: what can we achieve that costs nothing? Where will we get the land reserves that we need for inner city development in the future? What role will digitalization play? So that our cities become more resilient and don’t fall into a shock-like state in the event of crises yet to come.
Stefan Rettich is an architect and professor at the University of Kassel, where he heads the Department of Urban Design. He is also founder and partner of KARO* architects in Leipzig. He has been working on transformation processes in our cities for many years. Within the framework of the project “Spielraum Urbane Transformation gestalten!” (Designing Urban Transformation Room) of the Robert Bosch Foundation, he is researching and designing together with six partners from various institutions on the topic of the “Obsolete City”.
How do we know where to look for understanding what is happening in and to our urban societies? Right now, as urban researchers, we find ourselves presented with a huge experiment whose outcomes are yet hard to guess. Simone Egger, cultural scientist, is an active participant and observer of the urban community. What/Next spoke to her about what she sees, where to look und how this moment can be arranged in time.
Woher wissen wir, wo wir hinschauen müssen, um zu verstehen, was in und mit unseren Stadtgesellschaften geschieht? Im Moment sehen wir uns als Stadtforscher*innen vor ein riesiges Experiment gestellt, dessen Ergebnisse noch schwer abzuschätzen sind. Simone Egger, Kulturwissenschaftlerin, ist eine aktive Teilnehmerin und Beobachterin der städtischen Gesellschaft. What/Next sprach mit ihr darüber, was sie sieht, wohin wir schauen sollen und wie dieser Moment zeitlich eingeordnet werden kann.
Sketches from the interview with Simone Egger, designed by Eva Strobel for What/Next 2020
The presence of the corona virus has changed urban spaces, the daily life of their creators and participants in city life, as we could learn from previous contributors. How do cultural anthropologists look at what is happening in our cities? How can we, in the urban context, examine people in relation to their culture and describe this qualitatively? For Simone Egger, there are two levels of perception when she moves through the city and actively participates in city life. On the one hand, there is the level at which one asks: what is perceived directly as change? And another level in which one asks: what do you perceive in reflection? When people exchange their experiences, what questions do they deal with? To do this, it is important to leave the comfort zone of one’s own environment and engage with others in order to find modes of interaction.
There is a historical interruption of everyday processes. Every person is affected in some way by Corona.
Simone Egger 07/2020
Since we are now in this very moment, the crisis phase triggered by the corona virus is difficult to understand and classify in terms of time. In which transformation phase are we now exactly? Knowledge about previous transformations of societies, such as the transformation of Munich and Izmir since the late 19th century into modern urban societies, can help us to better understand our particular phase in time. What people now perceive as silence and a decelerated reality, in fact provokes that people, in their daily lives, react quickly and immediately, thus causing an acceleration of development.
Some time must pass to be able to reflect on current events. We should persistently continue to observe on-site – like this we can create qualitative knowledge about the ongoing change.
Simone Egger 07/2020
A similar inequality in perceived time can be observed in Munich at the turn of the last century: the inability of people to act after World War II caused them to remark this phase as slow down, while – in the larger and historical context – the reconstruction phase enhanced a transformation to urban societies. We can also observe that different groups react to the crisis with different degrees of speed: While shop owners are implementing ad hoc concepts in order to keep the business running in compliance with the new rules, other groups first ask: Do we already have a concept for how to deal with the new situation?
We should allow more pragmatism in design and planning processes, and include the thoughts of others. Thus our capability of acting increases.
Simone Egger 07/2020
Our urban societies are constantly undergoing transformation, with countless processes of change. This momentum triggers accelerated reactions and creates ample scope in which our relationship to our culture of living and encounter in the city can be reinvented. Simone Egger pleads for using the tranquility of the moment to take a closer look, to build up new cooperations and, as an intellectual, to take a somewhat more pragmatic approach to shaping it.
Simone Egger is a cultural scientist and work as coordinator of the international doctoral programme Transformation Processes in European Societies at the LMU Munich. She is currently working as an assistant professor at the Institute for Cultural Analysis at the Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. She curated RODEO 2020, a dance and theatre festival, for the city of Munich.
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